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Das Interview

Ruth Levin stellt Fragen an Manfred Stubbe

Wie bereiten sich Menschen auf die letzte Reise vor? Tun sie es überhaupt?

Ich frage einen, der es wissen muss. Einen Bestatter. Manfred Stubbe spielt seit vielen Jahren in unserem Posaunenchor mit. Zuerst in Königshardt und jetzt im gemeinsamen Posaunenchor. Und er ist ein erfahrener, fachgeprüfter Bestatter.

Levin: Herr Stubbe, seit wann arbeiten Sie als Bestatter?

Stubbe: Seit 1983.

Levin: Und vorher? Stubbe: Da habe ich viele Jahre lang bei Pfarrer Neuenhaus auf dem Gemeindeamt in Königshardt und als Organist und Chorleiter gearbeitet, später dann war ich Amtsleiter in Osterfeld.

Levin: Ich habe also einen Menschen vor mir sitzen, der nicht nur lange Jahre in der Gemeinde immer wieder mit Hinterbliebenen zu tun hatte, sondern auch einen, der seit 34 Jahren täglich Menschen in den so wichtigen Stunden direkt nach dem Tod eines Angehörigen begleitet und sie bei der Vorbereitung einer Beerdigung berät. Was hat sich Ihrer Meinung nach in den Jahren verändert?

Stubbe: Es gibt Veränderungen auf verschiedenen Ebenen. Eine Tendenz ist, dass der Anteil der Sargbestattungen abnimmt, die Urnenbeisetzungen dafür sehr zunehmen. Als ich 1983 als Bestatter anfing, betrug der Anteil der Urnenbestattungen 5-6%, heute sind es 50-60%.
Auch höre ich von vielen, dass die Bestattung möglichst kostengünstig sein soll. Und es wählen immer mehr Menschen einen freien Redner anstelle eines Pfarrers.
Eine weitere Veränderung ist, dass der Wunsch, von dem verstorbenen Menschen noch einmal Abschied zu nehmen, ihn zu Hause aufzubahren, seltener geworden ist. Levin: Ein breites Spektrum. Ich entscheide mich für das Letzte. Woher kommt es, dass Menschen seltener von Toten Abschied nehmen wollen? Stubbe: Viele Menschen haben Berührungsängste gegenüber Verstorbenen. Einige wollen – wenn der Tod in der Nacht eintritt –, dass der oder die Verstorbene sofort von uns abgeholt wird. Der Umgang mit dem Tod ist heute weniger selbstverständlich als früher. Ich ermutige die Hinterbliebenen aber oft, sich noch einmal zu verabschieden. Dem Vater, der Mutter, dem Partner noch einmal über das Gesicht zu streicheln. Ihnen noch einmal etwas Gutes zu tun, ihnen etwas in den Sarg zu legen. Oft gehe ich mit ihnen zur Trauerhalle und begleite sie dabei. Das gibt ihnen Sicherheit.

Levin: Warum halten Sie solche letzten Liebesdienste gegenüber einem Verstorbenen für wichtig?

Stubbe: Ich biete oft an, die Urne selbst zum Grab zu tragen. Die meisten sind hinterher froh, diese Chance genutzt zu haben. Sie sagen mir dann oft, dass es gut war. Kinder möchten oft der Oma noch ein Bild oder einen Brief in den Sarg legen. Es können kleine Dinge sein, die viel bewirken. Eine liebevoll gestaltete, würdige Bestattung halte ich für wichtig für die Trauerbewältigung.

Levin: Gibt es Menschen, die Ihre eigene Beerdigung planen und vorbereiten?

Stubbe: O ja. Etwa 10% aller Bestattungen, die wir übernehmen, sind durch sog. Vorsorgeverträge vorbereitet.

Levin: Was sind Vorsorgeverträge?

Stubbe: Das sind freiwillige, schriftliche Verträge. Sie legen – wenn es gewollt ist – jedes Detail der eigenen Beisetzung fest: Ob Sarg oder Urne, ob Familiengruft oder Wiesenreihengrab. Ob kirchliche Trauerfeier oder weltliche. Bis hin zur Kleidung, zum Blumenschmuck oder zur Musik bei der Trauerfeier kann alles vorher festgelegt werden.

 

Levin: Wissen die Menschen denn so genau, was sie für ihre letzte Reise wollen?

Stubbe: Nein. Oft nicht. Dann versuchen wir gemeinsam, das heraus zu finden. Wir nennen verschiedene Möglichkeiten und meist klärt sich dann nach und nach, was zum dem oder der Betreffenden passt. Wir nehmen uns dafür viel Zeit.

Levin: Muss denn in diesen Verträgen alles schon genau festgelegt sein?

Stubbe: Nein. Das Ausmaß dessen, was geregelt wird, bestimmt jeder selbst. Es gibt auch Menschen, die sichern nur die Kosten der eigenen Bestattung ab. Alles weitere überlassen sie ihren Angehörigen. Dann werden nach den eigenen Vorstellungen die Kosten für die Beisetzung von uns ermittelt. Wir rechnen noch eine 10-20%ige Steigerung mit ein (vor allem wegen der regelmäßigen notwendigen Erhöhungen der Friedhofsgebühren). Dann wird das Geld über einen sog. Treugeber eingezahlt. Das kann ein Angehöriger oder der Bestatter selbst sein. Das Geld behalten aber nicht wir als Bestatter, sondern es wird an eine Treuhandstelle überwiesen und mündelsicher angelegt. Und nur gegen die Vorlage der Sterbeurkunde wird es für die Bestattung wieder ausgezahlt.

Levin: Und die Grabpflege? Kann ich dafür auch Vorsorge treffen? Denn das ist für viele heute ja ein Grund ein Rasengrab zu wählen. Man will den Angehörigen nach dem Tod nicht zur Last fallen.

Stubbe: Ja, auch das kann im Vertrag festgelegt werden. Das ist aber auch über den Friedhofsgärtner direkt möglich.

Levin: Kann ich denn wirklich vorher so genau sagen, was ich in meiner Trauer brauche? Stubbe: Manchmal merken Menschen erst im Nachhinein, was ihnen in ihrer Trauer hilft. So wie ein Hinterbliebener, dessen Frau auf See beigesetzt wurde. Er hatte keinen Ort für seine Trauer, keine Stelle zu der ergehen konnte. Er hat die beneidet, die zum Friedhof gehen und ein Grab bepflanzen und pflegen können.
Wir bemühen uns darum, bei unseren Beratungen, die Menschen auf die Konsequenzen dessen, was sie entscheiden, hinzuweisen.

Levin: Warum glauben sie, dass es gut ist, sich zu Lebzeiten mit dem eigenen Tod und den Wünschen zur Bestattung auseinander zu setzen und mit Angehörigen darüber zu reden?

Stubbe: Die Angehörigen wissen dann, was ich möchte. Sie müssen im Todesfall nicht alles selbst entscheiden. Das kann sehr entlastend für sie sein. Und mit der finanziellen Vorsorge kann ich absichern, dass meine Wünsche wirklich berücksichtigt werden und meine Angehörigen nicht aus Kostengründen etwas aussuchen - oder aussuchen müssen -, was nicht zu mir passt.

Levin: Und noch eine persönliche Frage: Wissen Sie als Mitglied des Posaunenchores denn schon, welche Musik zu Ihrer Beisetzung erklingen soll?

Stubbe: Ja. Bei mir wird es nur Musik von Bach geben.

Levin: Herr Stubbe, vielen Dank für dieses Gespräch über ein schwieriges Thema.

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